Hotel Europa: Salzburgs umstrittenes Hochhaus

Abbildung 1: Das Hotel Europa kurz nach seiner Fertigstellung Ende der 1950er Jahre.

Quelle: Privatbesitz Koca.

Salzburgs höchstes Haus, das Hotel Europa, zählt zu den bedeutendsten und zugleich umstrittensten Bauwerken der Nachkriegszeit.1 Im übertragenen Sinne ist „die aufgestellte Streichholzschachtel“2 das erste „bürgerliche“ Gebäude Salzburgs, das es höhenmäßig mit den Kirchtürmen der alten Fürstenstadt aufnimmt.3 Dem Bau in den Jahren 1955 bis 1957 ging die teilweise Zerstörung des Grand Hotel de l‘Europe im Zweiten Weltkrieg voraus, das sich auf dem Areal des heutigen Hotelturms in der Nähe des Hauptbahnhofs befand. Mit seiner Fertigstellung löste das 56 Meter hohe Hotel eine grundsätzliche Debatte über das Für und Wider von Hochhausbauten in Salzburg aus.

Der Vorgängerbau, das 1865 eröffnete Grand Hotel de l’Europe hatte sich nach mehreren Erweiterungen bis zum Zweiten Weltkrieg zu einem Palasthotel der Superlative entwickelt. Es umfasste 300 Zimmer, Salons, Konzerthallen, ein Kurbad und einen 60.000 m² großen Park.4 400 Angestellte kümmerten sich um das Wohl der Gäste, zu den Annehmlichkeiten, die das Hotel zu bieten hatte, gehörte eine eigene Postfiliale, ein Orchester und eine Anglo-Amerikanische Cocktailbar. 1938 erfolgte die Inbesitznahme durch die Deutsche Wehrmacht. Fortan wurde das Gebäude zum Sitz des Wehrkreiskommandos XVIII. Während des Zweiten Weltkrieges setzten amerikanische Luftangriffe dem Hotel schwer zu. „Nach dem Krieg – als das Hotel als Flüchtlingslager diente – wurden im noch benutzbaren Bereich des Gebäudes verschiedene bauliche Veränderungen vorgenommen, um zusätzlichen Wohnraum für volksdeutsche Flüchtlinge zu schaffen.“5

Nach der Rückstellung der Liegenschaft an seinen einstigen Besitzer Georg Jung gab es Anfang der 1950er Jahre zunächst Überlegungen, das von einer parkartigen Anlage umgebene alte Hotel in einer kleineren Version wiederzuerrichten. Einen derartigen Verbauungsvorschlag6 für einen Hotelbau unterbreitete Georg Jung am 2. April 1951. In einem dem Projektvorschlag beigefügten Exposé wurde angeführt, dass das alte Hotel de l‘Europe durch Bombentreffer schwer beschädigt, auf etwa ein Drittel reduziert werde. Dadurch hätte sich im Vorfeld des Hotels der Park vergrößert: „Das gesamte Grundstück ist aus einem Luxuspark mit staubigen Gittern in einen Bereich des pulsierenden Lebens verwandelt.“7 Durch das Projekt sollte für den Wiederaufbau der Stadt in Richtung Bahnhof ein entscheidender Impuls gegeben werden.

Von der Wiederherstellung von Teilen des Hotels rückte man jedoch schnell ab. Das Bauvorhaben geriet zunehmend in die Diskussion über den Umbau des gesamten Bahnhofvorplatzes – städtebaulich ein riesiges Projekt, das dem von Otto Prossinger formulierten Konzept der „City-Bildung in Bahnhofsnähe“8 folgte. Am 3. Oktober 1951 beschloss der Salzburger Gemeinderat daher die Verbauung der Hotel de l‘Europe-Gründe nach den Plänen des Architekten Josef Becvar (1907-1984) mit der Bemerkung, „[…] daß die einzelnen Detailprojekte vor Ausführung noch dem Gemeinderat zur Begutachtung vorzulegen sind.“9 Hierbei ging es um die Abstimmung mit den in Planung befindlichen umliegenden Gebäuden, wie dem ebenfalls von Architekt Becvar geplanten Ford-Hof, dessen Bau als Niederlassung von Ford Österreich an der Ecke Saint-Julien-Straße/Rainerstraße 1952 begann.10

Abbildung 2: Josef Becvar, Zeichnung, ca. 1955.

Quelle: Archiv der Stadt Salzburg, NStA 1401.

Im weiteren Verlauf der Planungen musste Becvar seinen Entwurf für das Hotel Europa mehrfach adaptieren, ohne dass die Öffentlichkeit davon mitbekam. Der Fachbeirat für Fragen der Stadtplanung und Baugestaltung, den der Salzburger Gemeinderat im Februar 1955 schuf, um den kommunalen Behörden bei großen Bauvorhaben beratend zur Seite zu stehen, hatte kaum Einfluss und wurde im Fall des Hotel Europas offensichtlich nicht eingebunden. Unterdessen traten wirtschaftliche Aspekte mehr und mehr in den Vordergrund. Insgesamt erhielt das Bahnhofsviertel ein völlig neues Gesicht. War zunächst nur eine Randbebauung angedacht, stieg die Anzahl der Gebäude mit jedem neuen Entwurf und die das Hotel umgebende Parklandschaft verschwand dabei zusehends. Gleichzeitig wurde die projektierte Bebauung auf sechs bis zehn Geschoße aufgestockt.11 Mit jeder Neuausarbeitung nahm auch die Höhe des Hotel Europas zu.

Die Baubewilligung für das Hotel erfolgte schließlich erst im November 1955: „Gestern Vormittag wurde nach der Kommissionierung der ehemaligen Europe-Gründe beim Hauptbahnhof die Baubewilligung für das neue Hotel Europa rechtskräftig erteilt.“12 Der Gemeinderat stimmte dem Bau eines vierzehnstöckigen Gebäudes zu. Wie es dazu kam, dass das Hotel dann sogar 16 Stockwerke erhielt, darüber berichtet Architekt Robert Soyka, dessen Vater, der Architekt Wolfgang Soyka, zu diesem Zeitpunkt im Büro Becvars arbeitete. Soyka: „Eines Tages kam Becvar in das Büro und meinte: ‚Burschen, jetzt haben wir es. Ich war gerade beim Bürgermeister, wir dürfen höher bauen‛.“13 Offenbar gelang es Becvar durch „Cognac Diplomatie“, die gewünschte Bauhöhe bei Bürgermeister Stanislaus Pacher (SPÖ) durchzusetzen.14

Abbildung 3: Johann Barth, Neubau des Hotel Europa, Frühjahr 1957.

Quelle: Stadtarchiv Salzburg, N 3182.

Bauherr des ersten Hochhausbaus Salzburgs war die Wiener Städtische Versicherung. Ausgeführt wurde der Bau von einer Arbeitsgemeinschaft der Firmen Porr und Heinz unter der Bauleitung von Heinrich Reitstätter und Architekt Josef Becvar.15 Eine Bauzeit von 15 Monaten wurde anvisiert. Bis zu 70 Arbeiter waren täglich an der Baustelle beschäftigt. Pro Woche konnte ein Stockwerk hochgezogen werden. Beim Bau kamen für die damalige Zeit neuartige Baustoffe zur Verwendung, wie etwa der Dämmstoff Durisol, der besonders für lärmsensible Hotelzimmer geeignet erschien.16 Beim Hotel Europa dürfte sich Becvar von dem unter der Führung von Le Corbusier und Oscar Niemeyer geplanten und 1952 fertig gestellten UN-Gebäude in New York inspirieren haben lassen, das so wie das Hotel Europa als Scheibenhochhaus konzipiert wurde.

Mit dem sichtbaren Wachstum des Hochhauses verschärfte sich auch der Ton in den öffentlichen Diskussionen. Im Zuge der Gemeinderatssitzung vom 16. September 1957 bezeichnete die FPÖ das Hotel Europa als Schwarzbau, da es mehr Geschosse aufwies als ursprünglich bewilligt wurden. Wenige Tage später nahm Baumeister Reinthaler im Stadtsenat zu dem Thema „Schwarzbau Hotel Europa“ Stellung: „Reinthaler bemerkte, daß aus dem einschlägigen Akt ein aufschlußreiches Schaubild verschwunden sei und sich im übrigen dieser Akt sehr verdünnt habe.“17 Die Debatte konzentrierte sich weniger auf die architektonische Qualität des Hotels, als auf die grundsätzliche Frage ob Hochhäuser mit dem barocken Stadtbild Salzburgs vereinbar sind. Stein des Anstoßes war insbesondere die Beeinträchtigung der Sichtachse in Richtung der Wallfahrtskirche Maria Plain.

Abbildung 4: Johann Barth, Neubau des Hotel Europa, Frühjahr 1957.

Quelle: Stadtarchiv Salzburg, N 3147.

Im Wahlherbst 1957 wurden die Diskussionen über die Bauhöhen immer hitziger geführt. Die Bezirksleitung der ÖVP, die sich kampfbereit zeigte, beauftragte ihre Gemeinderäte damit, alle Schritte in die Wege zu leiten, um künftig den Bau von dem Stadtbild störenden Hochhäusern möglichst zu verhindern. In der Salzburger Volkszeitung hieß es über die neue Positionierung der Partei: „Sicherlich hat der Anschauungsunterricht des Bahnhof-Hochhauses dazu beigetragen, daß diese Fraktion nunmehr die Konsequenzen aus dem Fehler ziehen und nicht zu dem einen noch einen zweiten hinzufügen will.“18 In diesem Zusammenhang novellierte schließlich auch der Landtag die Stadtbauordnung, um Hochhäuser in ,kulturhistorisch wertvollen Stadtteilenʻ künftig zu verbieten.19 Jedenfalls wurde das Hotel Europa zum Präzedenzfall für die zukünftige Stadtentwicklung und seine Höhe zum Richtwert dafür, wie hoch in Salzburg gebaut werden darf.

Einige Jahrzehnte später, im Zuge des Wettbewerbs für die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes, geriert das Hotel Europa 1986 wieder in den Fokus: „Auf Antrag des FP-Klubobmannes Erich Marx wurde einstimmig beschlossen, das Hotel Europa als Sonderplanungsgebiet einzubeziehen.“20 Als Sieger des Wettbewerbs ging Joachim Schürmann hervor. Schürmann plante die Dominanz des Hotel Europa durch einen vorgebauten Wintergarten zu mildern. Damit konnte sich der ÖVP-Gemeinderat Fritz Peham nicht anfreunden: „[…] die ,gläserne Sprungschanzeʻ gefalle ihm ganz und gar nicht.“21 Vielmehr stand damals ein Teil- oder Totalabriss des Hotels zur Diskussion.

Entkam das Hotel Europa im Zuge der angestrebten Neuplanung des Salzburger Bahnhofsvorplatzes in den 1980er Jahren gerade noch einem Teilabbau, drohte ein Jahrzehnt später neuerlich die Demontage. Ausgehend von der Wiener Städtischen Versicherung wurde angestrebt, das Areal anderwärtig zu nutzen. Mehrere Optionen schienen denkbar, von einem neuen Standort für das Privatklinikum Wehrle, einem Einkaufszentrum bis zu einem Kino wird in den kommenden Jahren die Rede sein. Allein im Jänner 1995 erreichten 120 Leserbriefe die Redaktion der Salzburger Nachrichten, darunter hatten die Abriss-Gegner*innen eine kleine Mehrheit. Dennoch schienen 1995 die Tage des Hotel Europa gezählt und der Abbruch des Hotelbaus beschlossene Sache. „Würde es nach den Salzburger Gemeinderäten gehen, könnten die Abbruchbagger noch heute zum Hotel Europa beim Hauptbahnhofe ausrücken“, berichteten damals die Salzburger Nachrichten.22 Der Beschluss im Gemeinderat fiel deutlich aus, 34 der 40 Gemeinderäte stimmten für einen Abriss des Hotels.23 Eine Unterschutzstellung durch das Denkmalamt konnte nicht erreicht werden, lediglich eine Empfehlung für den Erhalt wurde abgegeben. Letztlich sah die Wiener Städtische von der sehr kostspieligen Abtragung des Hotels ab und investierte in die Sanierung des Objekts, die 1999 stattfand.

Der kontroversielle Bau hat sich mittlerweile fast zu einem Wahrzeichen in der Silhouette Salzburgs entwickelt. Aus heutiger Sicht verwundert der Umgang mit diesem bauhistorischen Erbe der Stadt. Dies beginnt bei der Abtragung des alten, im Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Grand Hotel de l’Europe, das man möglicherweise hätte wiederherstellen können, und setzt sich beim Umbau des zu Unrecht als „scheußlichen Kasten“24 bezeichneten Hotels in den späten 1990er Jahren fort. Hier verpassten die handelnden Akteure die einmalige Gelegenheit, ein für seine Zeit charakteristisches Gebäude stilecht zu bewahren. Stattdessen verlor das Hotel vor allem im Inneren die Designelemente, die es als Zeitdokument auszeichneten und die erhaltungswürdig wären. Angefangen bei den Kunstwerken von Max Rieder und Kay Krasnitzky, den Mosaiken, mit denen die Badezimmer und einige der Säulen verkleidet waren, der Möblierung der Zimmer und dem Rezeptionsbereich. Was ist somit geblieben – die Hülle eines städtebaulich immer noch signifikanten Bauwerks?

Christoph Koca

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  1. Teile dieses Aufsatzes basieren auf: Christoph KOCA, Das Hotel Europa. Über die Geschichte von Salzburgs höchstem Haus unter besonderer Berücksichtigung seiner Rezeption in den Tages-, Wochen- und Monatszeitungen, in: Salzburg Archiv 40 (2025), 281–329. ↩︎
  2. Norbert MAYR, Die ,aufgestellte Streichholzschachtelʻ als facettenreiches Symbol des Wiederaufbaus, in: Architektur & Baureform 176 (1995), 66–71. ↩︎
  3. Wilfried SCHABER, Wohnbauarchitektur in Salzburg nach 1945 – Versuch einer Phänomenologie, in: Wohnen in Salzburg. Geschichten und Perspektiven, Salzburg 1989, 153–167, hier 160. ↩︎
  4. Herbert DORN, Spurensuche in Salzburg. Verschwundene Bauwerke und vergessene Kunstschätze aus acht Jahrhunderten, Salzburg 1996, 103f. ↩︎
  5. Andreas KAPELLER, Hotel de l’Europe. Salzburgs unvergessenes Grandhotel, Salzburg 1997, 64. ↩︎
  6. Stadtarchiv Salzburg, NStA 1401. ↩︎
  7. Amtsbericht betreffend Verbauungsvorschlag Hotel Europe-Gelände Salzburg, 2.4.1951, Stadtarchiv Salzburg, NStA 1401. ↩︎
  8. Amtsblatt der Landeshauptstadt Salzburg, 23.10.1957, 448. ↩︎
  9. Magistrat Salzburg, Z1.: VI/BD-1787/51, 5.11.1951, Stadtarchiv Salzburg, NStA 1401. ↩︎
  10. Vgl. Norbert Mayr, Stadtbühne und Talschluss, Salzburg 2006, 187. ↩︎
  11. Salzburger Nachrichten, 16.2.1995, 17. ↩︎
  12. Salzburger Nachrichten, 12.11.1955, 6. ↩︎
  13. Architekt Robert Soyka im Gespräch mit dem Autor vom 1.4.2026 ↩︎
  14. Ebd. ↩︎
  15. Vgl. Salzburger Nachrichten, 27. 7. 1956, 18. ↩︎
  16. Amtsblatt der Stadt Salzburg, 31.12.1956, Nr. 36, 433. ↩︎
  17. Salzburger Nachrichten, 21.9.1957, 5. ↩︎
  18. Salzburger Volkszeitung, 7.9.1957, 10. ↩︎
  19. Robert HOFFMANN, Die Entwicklung des Altstadtschutzes, in: Erich FALLY (Hg.), Die bewahrte Schönheit. Drei Jahrzehnte Altstadterhaltung, Salzburg 1997, 10–33, hier 27. ↩︎
  20. Salzburger Nachrichten, 21.2.1986, 5. ↩︎
  21. Salzburger Nachrichten, 2.4.1987, 9. ↩︎
  22. Salzburger Nachrichten, 9.2.1995, 21. ↩︎
  23. Neue Kronen Zeitung, 9.2.1995, 13. ↩︎
  24. Neue Kronen Zeitung, 4.2.1995, 11. ↩︎