
Abbildung 1: Elisabeth-Apotheke, Elisabethstraße 1A noch ohne Haus Elisabethstraße 1B, ca. 1913.
Quelle: Sammlung Hauser.
Zur Gesundheitsversorgung, die jeder Stadtteil haben sollte, gehört in der Regel eine Apotheke. In der Elisabeth-Vorstadt ist dies bis heute die Elisabeth-Apotheke in der Elisabethstraße 1A.1 Allerdings war bis zur Eröffnung im Frühjahr 1913 keineswegs klar, ob sich eine Apotheke in der Elisabeth-Vorstadt rentieren würde. Zu diesem Zeitpunkt bestanden im Einzugsbereich das Dorf Froschheim mit etwa 20 Höfen und einige Villen entlang der Stauffenstraße, die in den Jahren zuvor auf dem Grundbesitz des Immobilieninvestors Sylvester Oberberger errichtet worden waren. Nach und nach kamen einzelne Zinshäuser im Bereich der Saint-Julien-Straße hinzu. Überwiegend war das Gebiet zwischen dem Hauptbahnhof mit dem Hotel de l’Europe und dem Schlachthof an der Salzach aber nach wie vor landwirtschaftlich geprägt. Die Elisabeth-Vorstadt war zu diesem Zeitpunkt ein typisches Stadterweiterungsgebiet, dessen zukünftige Entwicklung sich erst allmählich abzeichnete.2 Hier eine Apotheke zu eröffnen war einerseits ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem urbanen Stadtteil mit einer ausgebauten Gesundheitsversorgung. Andererseits war die Eröffnung einer Apotheke in einem Stadterweiterungsgebiet, dessen Zukunft noch offen war, mit großen Risiken verbunden.
Die Geschichte der Elisabeth-Apotheke beginnt daher mit einem Scheitern. Im Mai 1908 hatte Josef Angermayer Ritter von Rebenberg (1853-1924), Leiter der Apotheke im St. Johann Spital,3 eine Konzession für eine Apotheke in der Elisabeth-Vorstadt erhalten. Um Konkurrenz mit bestehenden Apotheken in der Stadt zu vermeiden, durfte die neue Apotheke nur außerhalb der Bahnlinie errichtet werden.4 Bereits im Oktober 1909 gab Angermayer die Konzession wieder zurück und begründete diesen ungewöhnlichen Schritt sichtlich genervt:
„Trotz fortgesetzter Bemühungen […] ist es mir nicht gelungen, in dem mir zugewiesenen Standorte der Elisabethvorstadt eine entsprechende [Lokalität …] ausfindig zu machen. An der stadtwärts gelegenen Verkehrsstraße ist mir nämlich eine Errichtung wegen des hierzu nötigen sehr hohen Kapitals nicht möglich; in der Mitte der Elisabethvorstadt aber erscheint mir die Bedingung für die Prosperität einer Apotheke […] nicht gegeben. Ich sehe mich daher leider gezwungen, die erhaltene Concession hiermit dankend zurückzugeben.“5
Warum Angermayer, der bereits eine der wichtigsten Apotheken der Stadt leitete und zudem zum Establishment des städtischen Bürgertums gehörte, überhaupt eine Konzession für das Stadtentwicklungsgebiet jenseits der Eisenbahnlinie beantragt hatte, bleibt unklar. In Apothekerkreisen wurde später gemutmaßt, er habe dadurch lediglich seine Pacht für die Apotheke im St. Johann Spital drücken wollen.6 Bei Angermayer überwogen jedenfalls ökonomische Motive gegenüber der Sorge um die Gesundheitsversorgung des wachsenden Stadtteils.
Wirtschaftliche Überlegungen zum Standort der Apotheke waren zunächst auch für Emil Schweinbach (1869-1941) entscheidend.7 Schweinbach, der zu diesem Zeitpunkt angestellter Pharmazeut in der Biber Apotheke war, kannte Angermayer seit seinem Praktikum am St. Johann Spital in den 1880er Jahren.8 Nach dem Studium und verschiedenen Stationen bot sich ihm in der Elisabeth-Vorstadt die Chance, sich mit einer eigenen Apotheke selbständig zu machen. Und so suchte Schweinbach noch im Oktober 1909 um die Konzession an, die Angermayer zurückgegeben hatte.9 Allerdings sah sich auch Schweinbach bald mit den Herausforderungen konfrontiert, an denen Angermayer gescheitert war.

Abbildung 2: Emil Schweinbach vor seiner Apotheke, o.D..
Quelle: Sammlung Hauser.
Die Probleme waren vielschichtig, aber alle hingen mit den Erwartungen an die zukünftige Entwicklung des Stadterweiterungsgebiets in der Elisabeth-Vorstadt zusammen. Zunächst einmal war unklar, wer eigentlich die potenziellen Kund*innen sein sollten. Zwar war anzunehmen, dass die Bevölkerungszahl mit der weiteren Bebauung stark ansteigen würde, aber noch fehlte Kundschaft vor Ort. Schweinbach zu Folge „erweisen sich die Verhältnisse für den Standort einer Apotheke keineswegs als günstig […] weshalb die derzeit noch geringe Dichte der Bevölkerung […] zu berücksichtigen ist.“10 Ausdrücklich bezog er sich dabei auf das bisher kaum genutzte städtebauliche Entwicklungspotenzial: „Rechterhand der Elisabeth-Hauptstrasse liegen […] wohl drei Querstrassen von denen jedoch derzeit nur eine [die Stauffenstaße, S.H.] verbaut ist, während grosse Grundkomplexe an der Salzach […] noch der Parzellierung harren.“11 Die Bebauung zwischen Elisabethstraße und Salzach war für die Existenz der Apotheke deshalb so wichtig, weil hier Wohnhäuser und Villen für die bürgerliche Mittel- und Oberschicht geplant waren.12
Die soziale Zusammensetzung der Kundschaft spielte eine nicht unwesentliche Rolle. Während Schweinbach auf zahlungskräftige bürgerliche Bewohner*innen hoffte, sah er mit Sorge, dass im Einzugsbereich seiner Apotheke zunehmend „wenig konsumkräftige“ Arbeiter*innen siedelten. Das waren vor allem Bahnarbeiter und Arbeiter im städtischen Schlachthof. Diese seien obendrein über Krankenkassen versichert, besuchten deshalb im Krankheitsfall Vertragsärzte in der Stadt „… und besorgen sich sodann […] die Medikamente ebendort.“13 Den Vorschlag, seine Apotheke an das nördliche Ende der Elisabethstraße zu verlegen, um Kundschaft aus der stark wachsenden Eisenbahnersiedlungen in Itzling anzusprechen, lehnte Schweinbach aus denselben Gründen ab.14 Das Thema Gesundheitsversorgung war nicht nur aus seiner Sicht an die Entwicklung der Elisabeth-Vorstadt zu einem bürgerlichen Stadtteil geknüpft.

Abbildung 3: Westbahnstraße, heutige Rainerstraße, Blick auf die Kreuzung mit der Elisabethstraße vor dem Bau der Elisabeth-Apotheke, ca. 1912.
Quelle: Salzburg Museum, GP 2210-49.
Unterdessen hatte Schweinbach noch eine andere zahlungskräftige Kund*innengruppe im Blick: Um für Tourist*innen und Besucher*innen erreichbar zu sein, die vom Hauptbahnhof in die Altstadt gingen oder fuhren, musste er einen Standort am südlichen Ende der Elisabethstraße wählen.15 Zwischenzeitlich beantragte Schweinbach sogar, seine Apotheke innerhalb der Bahn in Richtung des heutigen Ott-Platz zu verlegen.16 Dieser Antrag stieß jedoch auf heftigen Widerstand von Georg Wimmer, der die benachbarte Salvatorapotheke am Mirabellplatz betrieb.17 Schweinbachs Taktieren unterstreicht die Unsicherheit der Standortsuche in einem Stadtteil, der gerade im Entstehen begriffen war.
An dem idealen Standort für die Apotheke, am südlichen Ende der Elisabethstraße, befand sich auf dem Gelände der sogenannten Hirschenwirtswiese und des Lindenhofs eine riesige unbebaute Fläche (Abb. 3). Später, in den 1920er Jahren, entstanden dort eine kommunale Wohnanlage18 respektive das Kieselgebäude. Um 1910 hatten die Eigentümer dieser Grundstücke allerdings noch gänzlich andere Vorstellungen von der zukünftigen Entwicklung. Der Lindenhof gehörte zu diesem Zeitpunkt Georg Jung, der auch das Hotel de l’Europe betrieb. Ähnlich wie Oberberger strebte Jung eine villenartige Bebauung an und bot die Grundstücke entsprechend teuer an. Für Schweinbach war deshalb ein Neubau für die Apotheke am bevorzugten Standort, wie schon für Angermayer, unerschwinglich.19

Abbildung 4: Eröffnung Elisabeth-Apotheke, 1913.
Quelle: Salzburger Wacht, 30.4.1913, 7, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=sbw&datum=19130430&seite=7.
Wie es Schweinbach schließlich gelang, doch ein Grundstück für den Bau seiner Apotheke am Anfang der Elisabethstraße zu bekommen, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Jedenfalls meldete er der Landesbehörde, die für die Konzessionierung der Apotheke zuständig war, im Februar 1912: „Durch Bemühungen ist es dem Gefertigten [Schweinbach] gelungen von Elise Gumpold, der ehemaligen Besitzerin der Hirschenwiese […], die rechtsverbindliche Zusage zu erhalten diese Wiese zu Parzellierungszwecken zu ver[kaufen].“20 Die Erschließung übernahm die Stadtgemeinde, die eines der neugeschaffenen Baugrundstücke an Schweinbach weiterverkaufte.21 Der Bau wurde ein Jahr später vollendet.22
Als Schweinbach die Elisabeth-Apotheke im Frühjahr 1913 endlich eröffnete, berichtete das Salzburger Volksblatt: „Die Elisabeth-Vorstadt, die in der letzten Zeit einen erfreulichen Aufschwung nimmt und daher auch der besonderen Fürsorge der Stadtvertretung würdig wäre, erhält jetzt eine Apotheke.“23 In der Tat war die Apotheke ein Schritt auf dem Weg der Elisabeth-Vorstadt von einem Stadterweiterungsgebiet zum urbanen Stadtteil. So wichtig wie die primäre Gesundheitsversorgung, zu der neben Apotheken auch Ärzte und andere Dienstleistungen zählen, für die Urbanisierung war, wird sie in der Stadtgeschichte bisher kaum berücksichtigt.24 Die Forschung zu Stadterweiterungsgebieten fokussiert meist auf Fragen der Planung von Neubauprojekten oder auf die soziale Zusammensetzung und die Alltagskultur der neuen Bewohnerschaft – meist unterschieden zwischen bürgerlichen Vororten und Arbeitervierteln mit ihren Mietskasernen.25 Die Geschichte der Elisabeth-Apotheke zeigt nicht nur, dass Gesundheitseinrichtungen ein wichtiger Bestandteil der städtischen Entwicklung waren. Sie macht auch deutlich, wie strategische Entscheidungen über den Ausbau der Gesundheitsversorgung von Erwartungen an die Zukunft des Stadtteils abhängig waren.
Sebastian Haumann
PDF-Version:
- Ich danke Gebhard Hauser für die entscheidenden Hinweise zur Elisabeth-Apotheke sowie für die Materialien, die er zur Verfügung gestellt hat. ↩︎
- Vgl. Gerhard Plasser, Die Stadterweiterung in Froschheim und Lehen. Am Beispiel der Parzellierungen von Privatbesitz, in: Salzburg Archiv 22 (1996), 133–156. ↩︎
- Salzburg Wiki, https://wiki.sn.at/wiki/Josef_Angermayer_Ritter_von_Rebenberg. ↩︎
- Konzessionsurkunde für Josef Angermayer Ritter von Rebenberg im Grunde, 15.5.1908, Salzburger Landesarchiv (im Folgenden SLA), LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Josef Angermayer an K.k. Landesregierung, 8.10.1909, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- K.k. Landessanitätsrat in Salzburg: Protokoll über die am 25. Februar 1910 stattgefundene Sitzung, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Kurt Ryslavy, Geschichte der Apotheken Salzburgs, Wien 1992, 47. ↩︎
- Chronik der Elisabeth-Apotheke, Sammlung Hauser. ↩︎
- Emil Schweinbach, Bitte um die Verleihung einer Konzession zur Errichtung einer Apotheke in der Elisabeth-Vorstadt, 5.10.1909, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Emil Schweinbach an die k.k. Landesregierung, 25.10.1909, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Vgl. Plasser, Stadterweiterung. ↩︎
- Emil Schweinbach an die k.k. Landesregierung, 25.10.1909, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- K.k. Landessanitätsrat in Salzburg, Protokoll über die am 25. Februar 1910 stattgefundene Sitzung, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- K.k. Landessanitätsrat in Salzburg, Protokoll über die am 25. Februar 1910 stattgefundene Sitzung, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Emil Schweinbach an k.k. Landesregierung, 8.4.1910, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Georg Wimmer, Rekurs an das k.k. Ministerium des Inneren, 18.7.1910, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Erik Taubert, Die „Hirschenwirtswiese“. Kommunaler Wohnungsbau in den 1920er Jahren, Salzburg 2025, https://doi.org/10.25598/stg.2025-5. ↩︎
- Emil Schweinbach an die k.k. Landesregierung, 25.10.1909, SLA, LRA 1910/19 VII B 03. ↩︎
- Emil Schweinbach an k.k. Landesregierung Salzburg, 6.2.1912, SLA, LRA 1910/19 VII B 03, vgl. Plasser, Stadterweiterung, 151. ↩︎
- Die Parzellierung der Hirschenwirtswiese, in: Salzburger Volksblatt, 19.12.1911, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=svb&datum=19111219&seite=5; Chronik der Elisabeth-Apotheke, Sammlung Hauser. ↩︎
- Kommission des Stadtgemeindeamtes Salzburg, Protokoll über Kollaudierung und Erteilung des Benützungskonsens für Emil Schweinbach, 21.3.1913; Stadtarchiv Salzburg, Bauakt Elisabethstraße 1A. ↩︎
- Salzburger Volksblatt, 1.5.1913, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=svb&datum=19130501&seite=8. ↩︎
- Zur Rolle von Apotheken in der Stadt ist bisher vor allem für die Zeit vor 1800 geforscht worden, z.B. Patrick Wallis, Consumption, Retailing, and Medicine in Early-Modern London, in: The Economic History Review 61 (2008), 26–53; Silke Geven, Ruimte voor genezing. De geografische spreiding en toegankelijkheid van de Antwerpse medische markt tussen 1584 en 1796, in: Stadsgeschiedenis 19 (2024), 93–112. ↩︎
- Adelheid von Saldern, Integration und Fragmentierung in europäischen Städten. Zur Geschichte eines aktuellen Themas, in: Archiv für Sozialgeschichte 46 (2006), 3–60; Für Wien z.B. zuletzt Peter Eigner, Transformationen eines Stadtraums. Wien 1740-2020, in Andreas Weigl / Peter Eigner (Hg.), Sozialgeschichte Wiens (1740-2020). Transformationen des Raums, Inklusion und Exklusion, Außensichten und Mobilität, Innsbruck 2022, 9-175, hier: 55-62. ↩︎
