Schlachthof und Viehmarkt: Die Elisabeth-Vorstadt zwischen Land und Stadt, ca. 1900

Abbildung 1: Der Salzburger Nutzviehmarkt zwischen Westbahn- und St. Julien-Straße, vor 1913.

Quelle: Salzburg Museum, GP 7775-49.

Am Elisabethkai, gegenüber dem Heizkraftwerk Mitte, erinnert heute eine Tafel mit einem Gedicht Georg Trakls an den Salzburger Schlachthof und den angrenzenden Viehmarkt, der von 1874 bis 1968 im Bereich des Gebirgsjägerplatzes bestand. In dem Gedicht „Vorstadt im Föhn“ beschrieb der Dichter den Schlachthof als abstoßenden Ort:

„Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor.
In Körben tragen Frauen Eingeweide,
Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude,
Kommen sie aus der Dämmerung hervor.
Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut
Vom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter.“1 

Als Trakl das Gedicht 1912 verfasste, waren die Zumutungen unübersehbar. Wiederholt war es zu Protesten der Anrainer*innen gekommen. Hausbesitzer*innen aus der Elisabeth-Vorstadt wehrten sich gegen die diversen Belästigungen und forderten eine Verlegung der Anlage. Allerdings gab es auch Stimmen, die den Schlachthof an Ort und Stelle behalten wollten – und zwar aus guten Gründen: Denn obwohl der Gestank, der Lärm und der Anblick abstoßend waren, waren sowohl der Schlachthof als auch der Viehmarkt bedeutende Wirtschaftsfaktoren in der Elisabeth-Vorstadt.

Abbildung 2: Die Lehener Brücke, im Hintergrund der alte Schlachthof, 1955.

Quelle: Archiv der Stadt Salzburg, Fotosammlung.

Die Entscheidung, einen Schlachthof mit Viehmarkt am Ende des heutigen Elisabethkais einzurichten, hatte die Stadtgemeinde in den frühen 1870er Jahren getroffen, um die in der Altstadt verstreuten privaten Schlachthäuser unter kommunaler Aufsicht zu zentralisieren.2 Damals schien der Standort eine gute Wahl, denn das Gebiet befand sich außerhalb der Stadt und war auch geeignet, „um eine Verunreinigung des Salzachflusses durch die Ausmündung der Schlachthof-canäle innerhalb des Stadtgebietes zu vermeiden.“3 Belästigungen der Stadtbevölkerung schienen dadurch weitgehend ausgeschlossen, da der neue Standort in einem Gebiet lag, das zu dieser Zeit landwirtschaftlich genutzt wurde.

Als Anfang der 1890er Jahre über eine Erweiterung des Komplexes aus Schlachthof und Viehmarkt diskutiert wurde, hatte sich die Situation allerdings verändert. Inzwischen waren eine Reihe neuer Wohnhäuser errichtet worden und mit dem Hotel de l’Europe hatte sich ein Luxushotel im Stadtteil etabliert. Dessen Eigentümer, Georg Jung, wandte sich mit deutlichen Worten gegen die Erweiterung:

„Gerade die schönste Seite meines Hotels – die Südseite – auf welcher die höchsten Herrschaften sich einzulogieren pflegen, würde durch die Errichtung der projectierten Anlagen am empfindlichsten betroffen, indem eben diese hohen und höchsten Herrschaften nicht blos früh morgens durch den Lärm des in den Markthallen untergebrachten Viehes, sondern auch tagsüber durch den üblen Geruch, die Fliegen und durch die wenig beneidenswerte Aussicht […] belästigt werden würden. Wenn man einerseits in einer Stadt alles thut und anstrebt, um den Fremdenverkehr zu heben […], so darf man doch andererseits gewiß nicht gerade unmittelbar vor dem ersten Fremden-Etablissement der Stadt eine Anlage hin versetzen, welche jedem Fremden den Aufenthalt daselbst verleiden und unmöglich machen […] müßte.“4

Abbildung 3: Zur Schlachthausfrage, Beilage zum Salzburger Volksblatt, 12.3.1895.

Quelle: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=svb&datum=18950312.

Unterstützung bekam Jung von Sylvester Oberberger, der kurz zuvor große Grundflächen in der Vorstadt erworben hatte, um sie zu parzellieren und gewinnbringend an Bauherren weiterzuverkaufen – wobei sein Plan auf den Bau von hochpreisigen Villen ausgerichtet war.5 In einer Petition an den Gemeinderat, den Oberberger im März 1895 im Namen der „Bürger und Hausbesitzer“ im Salzburger Volksblatt veröffentlichte (Abb. 3), argumentierte er, dass der Schlachthof und Viehmarkt „einen ganzen Stadttheil zu vernichten und zu entwerthen droht, […] welche[r] für die Zukunft der Stadtgemeinde“ von zentraler Bedeutung sei.6 Einer der Hausbesitzer, den Oberberger zu vertreten beanspruchte, war Carl Steinbach. Dieser äußerte sich: „Im guten Glauben, ein ruhiges Heim zu besitzen, erbaute ich mir vor nunmehr 2 Jahren das […] Haus No. 5 der Stauffenstraße […] An Stelle einer Colonie freundlicher Wohnhäuser […] soll sich nun eine öde, Miasmen gebärende, einer riesigen Abdeckerei ähnliche […] Stätte erheben.“7 Offensichtlich sahen die betroffenen Hausbesitzer in den Ausbauplänen eine Gefahr für die zukünftige Wertentwicklung ihrer Immobilien.

Jung, Oberberger und Steinbach nahmen die geplante Erweiterung der Schlachthof- und Viehmarktanlage zum Anlass, dessen komplette Verlegung nach Itzling oder Schallmoos zu fordern. Denn inzwischen lag der Standort nicht mehr am peripheren Rand der Stadt, sondern in einem Gebiet, das erhebliches Potenzial für die Entwicklung der wachsenden Stadt versprach. Die Gruppe um Oberberger arbeitete gezielt darauf hin, die Elisabeth-Vorstadt in einen Stadtteil für gehobenes bürgerliches Wohnen und Tourismus zu verwandeln – und da störte das Vieh, das nicht nur im Stadtteil geschlachtet, sondern auch in großen Mengen durch die Straßen getrieben wurde.8

So einflussreich der Hotelier Jung und der Grundbesitzer Oberberger auch waren, konnten sie sich nicht durchsetzen. In der Gemeinderatssitzung, bei der über ihre Petition beraten wurde, fragte Gemeinderat Engl, „wie viele Petenten ihre Unterschriften gegeben haben. Dieselben werden verlesen und wird öfters gelacht […] Nach Beendigung der Verlesung erhält GR [Gemeinderat] Dr. Kilcher das Wort: […] Es wäre ja sicher besser, wenn der Schlachthof weiter entfernt wäre. Allein es gebe wieder andere Interessenten.“9 Tatsächlich gab es ein starkes Interesse, Schlachthof und Viehmarkt an Ort und Stelle zu behalten und weiter auszubauen – und zwar aus dem Stadtteil selbst.

Im Umfeld des Schlachthofs und Viehmarkts betrieben eine Reihe von Grundbesitzern sogenannte „Privat Handelsstallungen“. In diesen Ställen kon­nten Viehhändler und Landwirte Tiere kurzfristig gegen eine Mietgebühr unters­tellen, bevor sie verkauft oder geschlachtet wurden. Immerhin wurde der Nutzviehmarkt jeden Dienstag abgehalten und jeden Freitag ein Schlacht­viehmarkt, bei denen zwischen 150 und 400 Tiere angeboten wurden.10 Hinzu kamen die großen Jahrmärkte mit mehreren Tausend Stück Vieh. Die Besitzer*innen der Privatställe positionierten sich nun offen gegen die Forderungen von Oberberger und Jung.11 Josef und Maria Pitzinger wiesen auf die Bedeutung ihrer Dienstleistung hin und erklärten, dass Josef Pitzinger sen. die Ställe errichtet habe, „weil der damalige Bürgermeister der Landeshauptstadt Salzburg Herr Rudolf Biebl, unseren Vater ausdrücklich um die Errichtung dieser Stallungen ersucht hat, … da sonst die Gemeinde in der schwersten Zwangslage gewesen wäre und selbst hätte bauen müssen.“12 Sie sprachen von bis zu 300 Stück Vieh, die vorübergehend beherbergt wurden. Insgesamt hatte sich rund um den Schlachthof und Viehmarkt ein Netzwerk an Gewerben angesiedelt (Abb. 4). Die Anbieter der Privatstallungen waren oft zugleich auch Gastwirte, wie etwa die Eheleute Pitzinger, die gegenüber des Viehmarkts das Gasthaus „zur Stadt Innsbruck“ betrieben, oder Elise und Augustin Gumpold, denen das Gasthaus „zum Hirschen“ gehörte. Deren Geschäft basierte zu einem großen Teil auf den Besuch von Viehhändlern und Landwirten. Rupert Plasisternik, der ebenfalls für die Beibehaltung des Schlachthofs und Viehmarkts eintrat, verband die Vermietung von Ställen mit seiner Tätigkeit als Saitling- beziehungsweise Darmhändler für die Wurstherstellung.13 Es ist anzunehmen, dass noch weitere Gewerbe hinzukamen. So waren die Nebenprodukte des Schlachthofs, wie Häute und Felle, das Kerngeschäft von Franz Xaver und Maria Gramiller, die 1921 in die Elisabethstraße übersiedelten und dort später den noch heute bestehenden Handel mit Fleischereimaschinen aufzogen.14 Vermutlich gehört auch der Viehnährpulverhersteller Georg Bauer auf der Saint-Julien-Straße, über den nichts weiter bekannt ist, in diesen Kontext oder die Elisabeth Apotheke des Emil Schweinbach, die lange Zeit auch veterinärmedizinische Präparate anbot. In der Elisabeth-Vorstadt existierten also zahlreiche Gewerbe, die sich auf die Weiterverarbeitung von Nebenprodukten aus dem Schlachthof und Dienstleistungen für die Viehwirtschaft spezialisiert hatten.

Abbildung 4: Karte des Gewerbes mit Bezug zur Viehwirtschaft in der Elisabeth-Vorstadt, 1900.

Karte: Sebastian Haumann, Kartengrundlage: Gustav FREYTAG, Salzburg, Nr. 34. 1:10 000. Wien 1896.

Aus diesen Gründen erkannte der Gemeinderat im Schlachthof und Viehmarkt einen wichtigen Wirtschaftsfaktor als 1895 über Oberbergers Petition verhandelt wurde: „[Gemeinderat] Kranzinger weist auf den Umstand hin, daß sich Froschheim nur durch den Schlachthof und die Viehmärkte emporgeschwungen habe und ihm durch die Verlegung dieser Anstalten die Bedingung der Weiterentwicklung genommen sei.“15 Dies sei auch für die Zukunft zu erwarten, „[d]enn wenn auch in unmittelbarer Nähe dieses Platzes […] keine Villen entstehen werden, so ist es doch zweifellos, daß in der Nähe eines dem Viehverkehre und Viehhandel dienenden und sohin ein reges Geschäftsleben aufweisenden Platzes die Verbauung des Terrains […] rascher vor sich gehen wird“.16 Der viehwirtschaftliche Komplex versprach Entwicklungspotenzial für die Elisabeth-Vorstadt.

Die Kontroverse um den Schlachthof und den Viehmarkt ist nicht nur spannend, weil sie zeigt, wie unterschiedlich die Interessen gelagert waren. Sie macht auch deutlich, wie man sich die Elisabeth-Vorstadt um 1900 vorstellen kann: als ein Stadtteil, in dem die rasch wachsende Stadt auf eine noch stark landwirtschaftlich geprägte Wirtschaftsstruktur und Gesellschaft traf. In der Forschung ist dieses Nebeneinander mit dem Begriff der „Rurbanität“ bezeichnet worden. Der Begriff, der sich aus den Wörtern „rural“ und „urban“ zusammensetzt, soll deutlich machen, dass hier unterschiedliche Lebenswelten und Sozialräume ineinandergreifen. In der Zeit um 1900 war der Gegensatz von Stadt und Land noch keineswegs so klar. Die sicht-, hör- und riechbare Präsenz von Tieren in der Stadt gehörten zum Alltag – zumal rund um die Schlachthöfe. Erst Konflikte, wie jene, die in der Elisabeth-Vorstadt geführt wurden, trugen dazu bei, die Stadt immer deutlicher von ländlichen Wirtschafts- und Lebensformen abzugrenzen.17 So konnten auch Oberberger und seine Mitstreiter 1913 schließlich einen ersten Erfolg verbuchen: Zumindest der Nutzviehmarkt wurde nach Schallmoos verlegt und die Privat-Handelsstallungen in der Elisabeth-Vorstadt verboten.18 Unterdessen blieb der Schlachtviehmarkt und der Schlachthof noch bis 1968 am gleichen Standort erhalten, auf dem ab 1973 der als „Lichthaus“ bekannte Wohnkomplex errichtet wurde.

Sebastian Haumann

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  1. Georg Trakl, Vorstadt im Föhn, 1912. ↩︎
  2. Stadtgemeinde Salzburg an k.k. Landesregierung, 27.01.1869, Salzburger Landesarchiv (SLA), LRA 1860/69 XII D 4; Die Gemeinde-Verwaltung der Landeshauptstadt Salzburg – vom Ende des Jahres 1872 bis 1875, Salzburg 1875, 30. ↩︎
  3. Neumüller, Der städtische Schlachthof, Salzburg 1881, o.S. ↩︎
  4. Protokoll aufgenommen von der k.k. Landesregierung Salzburg im Sitzungssaale des Gemeinderates der Stadt Salzburg, 05.06.1895, S. 10-18, SLA, Landesausschuss II 14/01. ↩︎
  5. Vgl. Gerhard Plasser, Die Stadterweiterung in Froschheim und Lehen. Am Beispiel der Parzellierungen von Privatbesitz, in: Salzburg Archiv 22 (1996), 133–156. ↩︎
  6. Zur Schlachthausfrage, Beilage zum Salzburger Volksblatt, 12.3.1895, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=svb&datum=18950312. ↩︎
  7. Protokoll, 05.06.1895, Beilage I. ↩︎
  8. Vgl. Plasser, Stadterweiterung. ↩︎
  9. Salzburger Chronik, Das Schlachthof- und Viehmarkt-Anliegen, 30.05.1895, 2. ↩︎
  10. Eine durchgehende Statistik liegt nicht vor, aber in den Tageszeitungen wurde regelmäßig detailliert über die Märkte berichtet: z.B. Salzburger Volksblatt, Schlachtviehmarkt, 18.05.1900, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=svb&datum=19000518; Salzburger Chronik, Nutzviehmarkt, 29.04.1898, https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=sch&datum=18980429. ↩︎
  11. Protokoll, 05.06.1895, 38-45. ↩︎
  12. Protokoll aufgenommen von Seite der k.k. Landesregierung Salzburg im Sitzungssaale der Stadt Salzburg am 23., 24. und 25. November 1896, Beilage I, SLA, Landesausschuss II 14/01. ↩︎
  13. Protokoll, 05.06.1895, 38-45; Salzburgischer Geschäfts-, Volks- und Amts-Kalender: für das Jahr 1900, https://onb.digital/result/1038677E. ↩︎
  14. Gramiller, https://www.gramiller.at/geschichte/. (29.5.2026). ↩︎
  15. Salzburger Volksblatt, 31.05.1895, 2. ↩︎
  16. Protokoll, 05.06.1895, 46-53. ↩︎
  17. Vgl. Britta von Voithenberg, Rurbanität in der Großstadt. Dresden und München 1870 bis 1914, Göttingen 2024, 18-20; Lukasz Nieradzik, Der Wiener Schlachthof St. Marx. Transformation einer Arbeitswelt zwischen 1851 und 1914, Köln 2017. ↩︎
  18. Vgl. Verordnung der k.k. Landesregierung Salzburg vom 2. Oktober 1913 betreffend den Nutzviehmarktplatze in Salzburg, Schallmoos und das Verbot der Einstellung von Nutzhandelsvieh in den Handelsstallungen der Elisabethvorstadt, SLA, Landesausschuss II 14/01; Stadtarchiv Salzburg, NStA 623. ↩︎