Josef-Mayburger-Kai: Wohnen und Leben am Fluss

Abbildung 1: Josef Mayburger: Blick auf Salzburg von Norden, ca. 1860.

Quelle: Sammlung Beling.

Das Ufer der Salzach war bereits im 19. Jahrhundert ein Ort, der offenbar eine besondere Ausstrahlung hatte. Der Salzburger Landschaftsmaler Josef Mayburger (1814-1908) zeigte in seinen Gemälden oft spektakuläre Naturstimmungen an der Salzach nördlich des Altstadtkerns (Abb. 1). Der heutige Josef-Mayburger-Kai in der Elisabeth-Vorstadt, der nach eben jenem Landschaftsmaler benannt ist, besitzt nach wie vor eine besondere Atmosphäre und eine bemerkenswerte Lebensqualität. Allerdings gehen mit der Zuschreibung dieser „Besonderheit“ auch Abgrenzungen gegenüber anderen Wohngebieten der Elisabeth-Vorstadt einher.

Vor der Salzachregulierung war der heutige Bereich zwischen Mayburger-Kai und Bergheimer Straße Teil des Flussbettes der Salzach. Erst mit der Regulierung im Laufe der 1860er Jahre wurde vermutlich auch dieser Abschnitt verlandet und befestigt.1 In den folgenden Jahrzehnten wurde das Land als Trabrennbahn genützt und lag Anfang des 20. Jahrhunderts brach. Anfang der 1920er Jahre war nur in den Randbereichen eine Bebauung durch Wohnhäuser vorhanden.2 Im Jahrzehnt von 1920 bis 1930 bebaute man das Areal erstmals mit vorwiegend Mehrparteienhäusern,3 von denen heute noch Häuser wie jene in der Jahnstraße 2 oder am Josef-Mayburger-Kai 38A markant sind. 1924 wurde der bis dato unbenannte Weg entlang der Salzach in Josef-Mayburger-Kai umbenannt.4 Im Vergleich mit dem obigen Gemälde ist in dem Luftbild um 1930 (Abb. 2) der Wandel von einer Flusslandschaft zum bebauten Wohngebiet bereits deutlich erkennbar.

Abbildung 2: Austroflug, Salzburg. Luftbild des nördlichen Stadtteiles gegen Maria Plain um 1930.

Quelle: ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung AF 3981, online unter: http://data.onb.ac.at/rec/GZ01233996.

In Bezug auf den Mayburger-Kai fällt im Diskurs und in Zuschreibungen der Stadtbevölkerung auf, dass oft die Rede von einer schönen, ja fast exklusiven Wohngegend ist.5 Es stellen sich dabei die Fragen: Wo ist der Josef-Mayburger-Kai? Wo endet er? Was macht ihn so besonders oder anders? Diese Fragen führen zu den unsichtbaren Grenzen, die sich zwischen Wohngegenden mit gutem und solchen mit einem weniger guten Image durch die Elisabeth-Vorstadt ziehen. Solche Bruchlinien, die auch mit Abgrenzung zu tun haben können, sind historisch gewachsen und lassen sich zusätzlich durch soziale und strukturelle Unterschiede erklären.

Ein frühes Beispiel für den Anspruch der Bewohnerinnen und Bewohner des Mayburger-Kais an ihre „besondere“ Wohngegend ist ein Leserbrief vom 30. August 1932 im Salzburger Volksblatt:

„Staubplage am Mayburger-Kai. Es wird uns geschrieben: Die Wohnungsinhaber am Mayburger-Kai leiden unter einer argen Staubplage dadurch, daß der dem Kai Autoverkehr vollkommen freigegeben ist. Es wird der Kai von mindestens 80 Prozent der Kraftfahrzeuge als Durchgangsstraße benützt. Die Straße ist weder geteert noch wird sie entsprechend besprengt. Die Wohnungsinhaber waren im guten Glauben, an einem Kai, der zugleich ein stark besuchter Spazierweg ist, eine staubfreie Wohnung zu haben, wurden aber arg getäuscht. Nun stellen die Bewohner des Kais an die Stadtgemeinde die gewiß gerechtfertigte Bitte, den vollkommen unnötigen Durchgangsverkehr über den May-burger-Kai für alle Kraftfahrzeuge zu verbieten und so der Staubplage abzuhelfen. Die Kraftfahrzeugbesitzer, die am Mayburger-Kai wohnen, werden gebeten, den anderen das Wohnen durch rasches Fahren nicht unmöglich zu machen.“6

Abbildung 3: Austroflug, Salzburg. Luftbild des nördlichen Stadtteiles gegen Maria Plain um 1930.

Quelle: ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung AF 3981, online unter: http://data.onb.ac.at/rec/GZ01233996.

Das Wohnen „an einem Kai, der zugleich ein stark besuchter Spazierweg ist“7 war also für die Bewohnerinnen und Bewohner bereits in den 1930er-Jahren etwas Außergewöhnliches. In einer solchen Lage sollte kein unnötig staubiger, städtischer Durchzugsverkehr herrschen.8 Am Mayburger-Kai besteht damit eine beachtenswerte Kontinuität von den 1930er Jahren bis zu heutigen Vorstellungen und Ansprüchen vom „Wohnen am Fluss“. Bis in die Gegenwart gelten Wohngegenden in der Nähe von Flüssen als besonders lebenswert.9

Diese Wahrnehmung spiegelt sich auch in Erinnerungen ehemaliger Bewohnerinnen wie Emma Gmeilbauer (*1940) wider. Gmeilbauer wohnte von 1963 bis 2022 im Haus Josef-Mayburger-Kai 40 und war gelernte speditionskaufmännische Angestellte bei einer Spedition am Salzburger Hauptbahnhof. Sie zog mit ihrem Ehemann zwei Kinder am Mayburger-Kai groß und erklärte sich für die Stadtteilgeschichte der Elisabeth-Vorstadt für ein Interview bereit. Darin berichtete sie ausführlich über ihr Leben am Mayburger-Kai.

In ihren Erinnerungen betonte Emma Gmeilbauer immer wieder die große Zufriedenheit mit der überaus ruhigen Lage am Fluss und die gute Wohnqualität. Nur im Ausnahmefall wurde die Salzach auch als Bedrohung wahrgenommen, sie konnte sich an ein oder zwei Situationen erinnern, in denen ihr Haus einer Überschwemmung nur knapp entgangen ist.10 Die Nahversorgung beschrieb sie als gut, der kleine Krämerladen der Familie Striednig deckte in den ersten Jahrzehnten, in denen sie dort wohnte, die Grundversorgung ab.11 Größere Einkäufe wurden außerhalb der Elisabeth-Vorstadt und mit dem Auto erledigt. Erst ab den Nullerjahren nutzte sie bei Waren, die nicht alltäglich gekauft werden mussten, das FORUM 1 am Hauptbahnhof.12 Das nachbarschaftliche Verhältnis beschrieb Emma Gmeilbauer als gut und korrekt, aber von einer richtigen Gemeinschaft konnte man ihrem Empfinden nach nicht sprechen.13 Damit ist eine wesentliche Eigenschaft von sozialen Netzwerken oder Beziehungen in der Stadt angesprochen: Freundschaftliche Beziehungen sind weitgehend unabhängig von der Nachbarschaft.14

Entsprechend berichtete Gmeilbauer darüber, dass sie in der Freizeit vor allem Angebote außerhalb der Elisabeth-Vorstadt genutzt habe. Gegenüber den als gut empfundenen Wohn- und Nahversorgungsmöglichkeiten waren andere Aspekte des Lebens eher außerhalb des Stadtteils zu verorten. In den 1970er Jahren waren sie zudem eine der wenigen Familien mit kleinen Kindern am Mayburger-Kai und Treffen mit Freundinnen und Freunden der Kinder mussten dementsprechend vorab vereinbart werden.15 Den Spielplatz an der Ecke „Mayburger-Kai“ – „Erzherzog-Eugen-Straße“ empfand sie als Treffpunkt mit migrantischen Kindern als ungeeignet, da ihr diese im Umgang mit den eigenen Kindern zu stürmisch waren.16 Es stellt sich die Frage, wie solche Schieflagen zwischen migrantischen und einheimischen Bevölkerungsgruppen entstanden. Es gab offenbar wenig Kommunikation und Verständigung. Dabei kann nicht genau gesagt werden, ob die Verständigungsprobleme zu negativen Wahrnehmungen führen oder die negative Wahrnehmung zu Kommunikationsproblemen.

Diese Erinnerungen lassen sich an die Vorstellung von Grenzen und Abgrenzungen innerhalb des Stadtteils anschließen. Die Bebauungsstruktur am Mayburger-Kai ist für das Wohnen in Einfamilien- und kleineren Mehrparteienhäusern typisch. Das steht im Gegensatz zu den bahnhofsnahen Wohngebieten mit Plattenbauten. Daran machte Frau Gmeilbauer und – ihrer Erinnerung nach – auch viele andere Personen einen Imageunterschied zwischen den salzachnahen und bahnhofsnahen Wohngebieten der Elisabeth-Vorstadt fest. In Bahnhofsnähe sei demnach die Lebensqualität aufgrund des starken Verkehrs schlecht und die sozialen Milieus werden teilweise als problematisch angesehen.17 Diesbezüglich ist interessant, dass Frau Gmeilbauer erwähnte, dass der Mayburger-Kai von Außenstehenden als Wohnort, im Gegensatz zum Rest der Elisabeth-Vorstadt, oft als sehr positiv wahrgenommen wurde und wird.18 Auch sie selbst erzählt einmal im Interview: „Das ist der Mayburger-Kai gewesen, und hinten war halt die Stadt, die Plainstraße, dann die Elisabethstraße“.19 „Die Stadt“ ist demnach woanders als am Mayburger-Kai: An Aspekte des Urbanen – wie z.B. starke Bebauung, hohe Einwohnerdichte und verschiedene urbane Milieus – werden teilweise negative Zuschreibungen gemacht. In Abgrenzung dazu steht demnach der Mayburger-Kai und seine „schöne und ruhige Lage am Fluss mit aufgelockerter Baustruktur. Auch diese Wahrnehmungen der Andersartigkeit des Mayburger-Kais können zu unsichtbaren Bruchlinien im Stadtteil führen, die sich hinterfragen lassen.

Abschließend lässt sich sagen, dass am Mayburger-Kai für die Bewohnerinnen und Bewohner bis heute ein attraktives Wohnangebot besteht. Das Gebiet ist bekannt für die Lage an der Salzach, die mit einer ruhigen Umgebung in Zusammenhang gebracht wird. Spannend ist, wie früh dieses Bewusstsein für die hohe Lebensqualität am Josef-Mayburger-Kai bereits bestand – in einer Zeit, in der in vielen Städten das Leben am Fluss noch nicht besonders attraktiv war. Wohnbauprojekte der letzten Jahrzehnte zeigen,20 dass der Mayburger-Kai als Wohngebiet auch weiterhin sehr gefragt ist. Aber während der hohe Anspruch an die Wohnqualität heute typisch für städtische Wohngebiete am Fluss ist,21 war dies für die 1930er Jahre nicht der Fall. Für die Geschichtsforschung ist weiters interessant, wie Imageunterschiede verschiedener Gebiete in einem Stadtteil zustande kommen und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelten. Der Mayburger-Kai ist hier insbesondere wegen der Unterschiede in der Wahrnehmung im Vergleich zum Rest der Elisabeth-Vorstadt bemerkenswert. Sich die Frage nach den historischen Ursachen für solche Unterschiede in der Wahrnehmung zu stellen, kann helfen aktuelle Zuschreibungen zu begreifen und zu hinterfragen.

Elias Kirchtag

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  1. Vgl. Heinz Wiesbauer / Heinz Dopsch, salzach macht geschichte, 2. Auflage, Salzburg 2019, 159.; Franz Valentin Zillner, Ueber den Einfluß der Witterung auf die Entstehung gastrischer Krankheiten in der Salzburger Stadtbevölkerung und über die Ursachen der Typhus-Epidemie des Jahres 1865 zu Salzburg, in: Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 6 (1866), 150. ↩︎
  2. Vgl. Stadtplan, in: Stadtteilgeschichte der Elisabeth-Vorstadt, http://stadtteilgeschichte.at/ (01.05.2026). ↩︎
  3. Vgl. Austroflug, Salzburg. Luftbild des nördlichen Stadtteiles gegen Maria Plain, ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung AF 3981. ↩︎
  4. Vgl. N.N., Aus Salzburg, Oberösterreich und Tirol. Umbenennung von Straßen, in: Salzburger Volksblatt, 19.2.1924, 4, online unter: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=svb&datum=19240219&seite=4 (03.06.2024). ↩︎
  5. Interview mit Emma Gmeilbauer, langjährige Anrainerin am Mayburger-Kai, Henndorf am Wallersee, 31.05.2024. ↩︎
  6. N.N., Aus Salzburg, Oberösterreich und Tirol. Staubplage am Mayburger-Kai, in: Salzburger Volksblatt, 30.08.1932, 7, online unter: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=svb&datum=19320830&seite=7 (03.06.2024). ↩︎
  7. Ebd. ↩︎
  8. Das Befahren und Parken am Mayburger-Kai durch die Anrainerinnen und Anrainer war bis in die 1960er-Jahre üblich, wie Frau Gmeilbauer, die rund 60 Jahre am Josef-Mayburger-Kai 40 gewohnt hat, im Interview erzählt. Die Fahrzeuge seien salzachseitig vor den Häusern geparkt gewesen. Erst im Laufe der 1970er-Jahre seien mehrheitlich Garagen und Parkplätze im rückwärtigen Teil der Grundstücke entstanden. Dadurch sei zur Salzach hin seither ein ausgesprochen ruhiges Wohnen möglich. Bezüglich des Durchzugsverkehrs wurde erst in den 1990er-Jahren Abhilfe geschaffen. Im Bereich von der Lehener Brücke bis zum Pioniersteg ist am Mayburger-Kai und in der Bergheimer Straße die Verkehrsberuhigung seit 1994 in Form einer Wohnstraße umgesetzt; vgl. Interview mit Emma Gmeilbauer, 20:46; vgl. N.N., Kurzparkzonen nun einheitlich Tempo 30 in Elisabeth-Vorstadt, in: Salzburger Nachrichten, 09.04.1994, 31, online unter: Archiv der Salzburger Nachrichten,  https://www2.sn.at/archiv/getImage.php?id=5C7pPkQ6DEu%
    2BFtB%2FSuqXkBFKnakaX%2BrGqYxYRZ4owqVwSijEybKXzGM%2BZie8a1n0dwW3
    atTWR69bS4a%2F0fqSEa3D0ZZO2DANlfguU555scazUypEVW5yjVo19%2F12LkLZ (01.05.2026). ↩︎
  9. Vgl. Franz Eckardt, Landschaft und Wohnen, in: Olaf Kühne / Florian Weber / Karsten Berr / Corinna Jenal, Hg., Handbuch Landschaft, Wiesbaden 2019, 774f. ↩︎
  10. Vgl. Interview mit Emma Gmeilbauer, 20:01. ↩︎
  11. Vgl. ebd., 45:47. ↩︎
  12. Vgl. ebd., 50:30. ↩︎
  13. Vgl. ebd., 09:53-10:48 u. 15:17. ↩︎
  14. Vgl. Jan Fasselt / Ralf Zimmer-Hegmann, Ein neues Image für benachteiligte Quartiere: Neighbourhood Branding als wirksamer Ansatz?, in: Olaf Schnur, Hg., Quartiersforschung. Zwischen Theorie und Praxis, 2. Auflage, Wiesbaden 2014, 269. ↩︎
  15. Vgl. Interview mit Emma Gmeilbauer, 22:11. ↩︎
  16. Vgl. ebd., 22:11 u. 01:03:31. ↩︎
  17. Vgl. ebd., 49:17-50:30.; Zu diesem Thema erzählt Emma Gmeilbauer auch von den Prostituierten, die es in der Elisabethstraße gegeben habe. Interessant ist dabei, dass sie die Prostituierten kaum wahrnahm – es gab aber viele Gerüchte und Erzählungen, die auch sie oft gehört hat. Vgl. ebd., 31:37-31:50. ↩︎
  18. Interview mit Emma Gmeilbauer, 43:59. ↩︎
  19. Ebd., 32:34. ↩︎
  20. Ragginger Erdbau und Transport, Hg., Eine Wohnanlage von Ragginger am Mayburgerkai – Salzachblick, in: Unterlagen zu Wohnbauprojekten in der Stadt Salzburg, 2003, Archiv der Stadt Salzburg Privatarchivalien 2000.1229. ↩︎
  21. Bettina Graf / Doris Felbinger, Rummelsburger Bucht: Partizipation und Nachbarschaftshilfe in einem neuen Quartier, in: Hans J. Harloff / Kees Christiaanse / Hans-Luidger Dienel / Gabriele Wendorf / Klaus Zillich, Hg., Nachhaltiges Wohnen. Befunde und Konzepte für zukunftsfähige Stadtquartiere, Berlin / Heidelberg 2002, 162. ↩︎